Warum Unterrichten das Nervensystem fordert

Lehrer:innen sind hochtrainierte Informationsfilter im Dauerbetrieb.

Sie nehmen wahr,
wenn jemand etwas sagen möchte, sich aber nicht traut,
wenn Lachen Unsicherheit überdeckt,
wenn Leistungsdruck überfordert oder Überforderung als Desinteresse erscheint,
wenn hinter Fernbleiben Angst steckt,
wenn Gruppendynamiken dazu führen, dass sich Einzelne zurückziehen,
wenn die Klasse den richtigen Moment findet, um kollektiv die Aufmerksamkeit entgleiten zu lassen,
wenn klar wird, dass das Durcharbeiten des Stoffs bis zur eigentlichen Deadline unrealistisch ist
und wenn im Lehrerzimmer bereits der nächste Erschöpfungszustand spürbar wird.

Neurobiologisch laufen dabei mehrere Systeme parallel.
Der Präfrontalkortex koordiniert die kognitive Arbeit: Regeln anwenden, Lernstände einschätzen, Entscheidungen treffen, Leistungen bewerten. Gleichzeitig registriert das limbische System emotionale Signale wie Frust, Ärger, Angst, Mitgefühl oder Freude. Das autonome Nervensystem steuert die körperlichen Reaktionen: erhöhter Puls, feine Muskelanspannungen, Schwitzen, Kopfschmerzen oder dieses leise innere Kribbeln, das Stress ankündigt.

Psychologisch bedeutet das: Lehrer:innen verfügen über ein dauerhaft aktives Scanning-System.
Mimik, Blicke, Flüstern und kleinste Geräusche werden kontinuierlich erfasst, oft noch bevor sie bewusst benannt werden können.

Doch die Kapazität des Nervensystems ist begrenzt.
Reize, die nicht verarbeitet oder abgelegt werden, sammeln sich als subtile Stresssignale im Körper. Daraus entsteht unterschwelliger Dauerstress, der sich mit der Zeit in Erschöpfung, Gereiztheit, Konzentrationsschwierigkeiten oder Angst äußern kann.

Die Gleichzeitigkeit fachlicher Anforderungen, unausgesprochener Emotionen der Lernenden, nachwirkender Konflikte, elterlicher Erwartungen und permanenter Selbstkontrolle erzeugt langfristig einen regelrechten Regulationsstau. Das Gehirn kann nur eine begrenzte Menge an Eindrücken gleichzeitig integrieren. Wird diese Grenze dauerhaft überschritten, gerät das System in Not - tragisch heldenhaft: während nach außen weiterhin täglich performt werden muss.

Entlastung von außen kann hier entscheidend sein: Kollegiale Absprachen, Unterstützung der Schüler durch Schulsozialarbeit, klare Rollenverteilungen oder ehrliche Gespräche über Belastungen senden ein starkes Signal an das Gehirn:
Ich bin nicht allein.
Stresshormone dürfen wieder sinken, Geduld kehrt zurück, Gedanken ordnen sich neu.

Auch strukturelle Freiräume wirken wie ein Reset-Knopf. Weniger Verdichtung, weniger permanente Taktung ermöglichen es, Informationen zu verarbeiten und emotionale Eindrücke zu integrieren. Psychologisch zeigt sich das in klarerer Wahrnehmung, gelasseneren Reaktionen und nachhaltigerer Energie für die Performance.

Eigentlich eine Win-win-Situation - für Lehrer:innen, Lernende und das gesamte System, oder?

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