Bids of Connection: Wie kleine Gesten meine Beziehungen stärken

Am Ende der Sitzung steht er auf, zieht die Jacke an, die Hausaufgabe sorgfältig zusammengefaltet in der Hand. Wir gehen gemeinsam zur Tür. Ein paar Schritte durch den Flur, denn der Termin ist vorbei.

Oder fast.

Kurz bevor er hinausgeht, dreht er sich noch einmal um. Nur ein Blick, ein kurzer Moment des Zögerns, als würde er prüfen, ob der Raum, den er gleich verlässt, weiterhin trägt. Ob da wirklich noch jemand ist, der ihn sieht. Ob das Gefühl von Sicherheit bleibt, auch außerhalb dieses Rahmens.

Ich halte den Blick, dann geht mein Klient zur Tür hinaus.

Später sitze ich vor meinem Bildschirm und denke über diesen Moment nach. Darüber, wie viel Unausgesprochenes darin steckte und wie mächtig solche Augenblicke sind. Kein ausgesprochenes Bedürfnis und doch eine glasklare Anfrage nach Rückversicherung, die ich gerne beantwortet habe.

Innerhalb der Beziehungsforschung nennt John Gottman solche Momente „Bids of Connection“: kleine, oft unscheinbare Angebote, mit denen Menschen prüfen, ob Beziehung, Sicherheit und Zugewandtheit da sind.

Was sind Bids of Connection?


Ein Bid of Connection ist jeder Versuch, emotional oder sozial mit einem anderen Menschen in Verbindung zu treten. Das kann ganz leise geschehen oder deutlich ausgesprochen werden. Manchmal ist es nur ein kurzer Blick oder ein Lächeln. Manchmal steckt mehr dahinter: das Teilen einer Freude, das Bedürfnis nach Unterstützung oder der Wunsch, gesehen und gehört zu werden.

Im Kern geht es immer um dieselbe Frage:

„Bist du gerade bei mir?”

Beispiele aus meinem Alltag

  • Ich möchte meinem Partner unbedingt ein lustiges Tier-Video zeigen, weil es mich zum Lachen gebracht hat.

  • Ich frage Kolleg:innen ehrlich interessiert: „Wie war dein Wochenende?“

  • Ich lächle jemandem zu, dem ich auf der Straße begegne.

  • Ich schaue mich noch einmal um, bevor ich gehe.

Das klingt banal, aber das ist es nicht. Diese Bids sind die Bausteine jeder Verbindung.

Warum Bids so mächtig sind

Gottmans Forschung zeigt: Über Nähe und Distanz entscheidet, wie wir auf diese kleinen Kontaktangebote reagieren.

Turning Toward - Ich wende mich zu: höre zu, lächle, gehe darauf ein. Nähe entsteht.

Turning Away - Ich ignoriere das Angebot oder bin gedanklich woanders. Distanz wächst leise, aber stetig.

Turning Against - Ich reagiere abweisend, genervt oder verletzend. Das kann langfristig tiefe Spuren hinterlassen.

Bids im Alltag sagen oft: ich möchte gerade Kontakt. Die Kunst liegt darin, diese Momente wahrzunehmen und ernst zu nehmen.

Was mir im Alltag hilft

  • Aufmerksamkeit schenken: Ich lege das Handy beiseite und bin wirklich da.

  • Kleine Gesten erwidern: Ein Nicken, ein Lächeln, ein „Erzähl weiter“, denn oft reicht das schon.

  • Selbst Bids senden: Interesse zeigen, nachfragen, Freude teilen. Nähe entsteht nicht einseitig.

Fazit

Bids of Connection gibt es also nicht nur in Partnerschaften. Sie passieren im Büro, zwischen Eltern und Kindern, überall wo Menschen aufeinandertreffen. Menschen prüfen immer wieder: Werde ich gesehen? Bin ich wichtig? Antwortet jemand?
Tragfähige Beziehungen entstehen in der Summe der kleinen Antworten auf die stillen Einladungen des Alltags. Dort, wo Menschen überwiegend turn toward, also zugewandt, reagieren.
Wer lernt, diese kleinen Signale zu erkennen, positiv zu beantworten und auch selbst auszusenden, investiert in bessere Beziehungen.

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