Warum verstehe ich meine Probleme und ändere trotzdem nichts?

"Ich weiß doch eigentlich, was ich tun müsste."

Vielleicht haben Sie diesen Satz schon einmal gedacht.

Vielleicht sogar oft.

Sie haben Bücher gelesen.
Podcasts gehört.
Videos angesehen.
Sie wissen, dass Grübeln nichts löst,
dass Sie mehr Pausen brauchen,
dass Sie Grenzen setzen sollten,
dass Angst nicht gefährlich ist,
dass Perfektionismus Sie erschöpft.

Trotzdem passiert immer wieder dasselbe, Sie kommen immer genau an denselben Punkt.

Frust nimmt nun immer mehr zu und manche beginnen dann, an sich selbst zu zweifeln.

"Warum schaffe ich das nicht?"

"Bin ich einfach zu schwach?"

"Fehlt mir die Disziplin?"

Sehr wahrscheinlich nicht.

Verstehen ist wichtig, aber es verändert das Nervensystem noch nicht

Unser Gehirn besteht vereinfacht gesagt nicht nur aus einem Teil, der logisch denkt. Ein anderer Teil sorgt dafür, dass wir möglichst sicher durch unser Leben kommen. Er bewertet Situationen blitzschnell, speichert Erfahrungen und er entwickelt Strategien, die uns schützen sollen.
Viele dieser Strategien entstehen nicht bewusst, sie entwickeln sich über Jahre hinweg – oft schon in der Kindheit oder Jugend.

Vielleicht haben Sie gelernt, Konflikte zu vermeiden?

Vielleicht immer stark zu sein?

Vielleicht sich immer nützlich zu machen, um Anerkennung zu bekommen?

Vielleicht niemanden zu enttäuschen?

Vielleicht besonders aufmerksam auf die Stimmung anderer Menschen zu achten?

Vielleicht alles unter Kontrolle zu behalten?

Diese Strategien haben Ihnen damals wahrscheinlich sehr geholfen und genau deshalb hält Ihr Gehirn an ihnen fest. Nicht, weil sie heute noch hilfreich sind, sondern weil sie sich in einer prägenden Phase bewährt haben.

Deshalb fühlt sich Veränderung oft so schwer an

Wenn Sie heute versuchen, sich anders zu verhalten, passiert innerlich häufig etwas Erstaunliches.

Ein Teil in Ihnen sagt:

"Das wäre eigentlich gut."

Ein anderer reagiert sofort mit Unsicherheit:

"Lieber nichts riskieren."

Von außen wirkt das manchmal wie fehlende Disziplin. In Wirklichkeit versucht Ihr inneres Alarmsystem oft nur, Sie vor Erfahrungen zu schützen, die es früher als schmerzhaft abgespeichert hat.

Deshalb reicht Wissen allein oft nicht aus

Tagtäglich erlebe ich, dass viele Menschen erstaunlich viel über ihre Schwierigkeiten wissen. Sie kennen Fachbegriffe, sie haben gelesen, was jetzt richtig wäre und dennoch verändert sich wenig.

Das liegt nicht daran, dass ihr Wissen falsch wäre, sondern daran, dass Einsicht und Veränderung zwei unterschiedliche Prozesse sind. Man kann verstehen, wie man Auto fährt und trotzdem fühlt sich die erste Fahrstunde anders an als das Lesen eines Buches über Verkehrsregeln.

Genauso verhält es sich mit vielen psychischen Themen: Das Gehirn lernt nachhaltige Veränderungen vor allem durch neue Erfahrungen.

Der innere Konflikt bleibt oft unsichtbar

Viele Menschen erleben einen ständigen inneren Widerspruch.

Sie wünschen sich Ruhe

und übernehmen trotzdem immer neue Aufgaben.

Sie sehnen sich nach Nähe

und ziehen sich gleichzeitig zurück.

Sie möchten gelassener werden

und kontrollieren weiterhin alles.

Was oftmals folgt: mehr Disziplin, mehr Kontrolle, noch mehr Selbstoptimierung. Im Ergebnis: noch mehr Druck.

Dabei beginnt Veränderung oft erst damit, die eigenen Reaktionen nicht länger als persönliches Versagen zu betrachten.

Betrachten Sie Ihre Reaktion einmal als den verständlichen (ehemals klugen) Versuch Ihres Nervensystems, Sie sicher durch das Leben zu bringen. Wenn wir verstehen, wofür eine Reaktion einmal sinnvoll war und wir uns dafür nicht mehr verurteilen, bekommen wir die Möglichkeit mit uns und nicht mehr gegen uns zu arbeiten.

Vielleicht erkennen Sie sich darin wieder

Wenn Sie das Gefühl haben, Ihre Schwierigkeiten gut zu verstehen und trotzdem immer wieder in dieselben Muster zu geraten, sind Sie damit nicht allein.

Oft steckt dahinter keine fehlende Willenskraft, sondern ein Nervensystem, das lange versucht hat, Sie zu schützen.

Genau dort setzt therapeutische Arbeit an: mit dem Blick darauf, warum sich bestimmte Reaktionen entwickelt haben, was sie heute aufrecht erhält und wie Sie nun das Steuer übernehmen können.

Über die Autorin

Viele der Themen, über die ich hier schreibe, begegnen mir täglich in meiner Praxis. Mir ist wichtig, psychologische Zusammenhänge verständlich zu erklären, ohne Fachsprache und ohne vorschnelle Lösungen.

Jeannine Reimer - Heilpraktikerin für Psychotherapie, Hypnotherapeutin und Burnout-Coachin in Hungen. Begleitung von Menschen mit Ängsten, Stress- und Burnout-Belastungen, sowie Paare in herausfordernden Lebenssituationen. Mehr zu meiner Person erfahren Sie auf meiner Über-mich-Seite.

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